Bericht aus dem Gericht

Wenn Asylbewerber Trost suchen…

dann hat das so allerhand Gründe. Sie sind weit weg von zuhause, sie haben Angst zurück in ihre Heimat zu müssen oder sie haben Probleme mit den Behörden. Oder, oder, oder. Die Liste lässt sich bestimmt beliebig verlängern. Mein Mandant hatte irgendwie jeden der vorgenannten Gründe, mehr oder weniger.

Ich kannte den Mann letzte Woche noch gar nicht. Über eine frühere „Mandantin“, die ich als solche kaum bezeichnen kann, weil sie zu mir kam als schon alles zu spät war und der Weg nur noch über die Härtefallkommission ging, kam er zu mir und bat mich um Hilfe. An dem damalig zukünftig heutigen Mittwoch hatte er einen Termin im Amtsgericht Braunschweig. Der Vorwurf: Besitz von Heroin, § 29 I Nr.3 BtMG.

Dieser Asylbewerber suchte Trost in Heroin. Denn sein Asylantrag wurde kurz vor dem Tattag abgelehnt. Dummerweise ließ er sich von einem Bekannten überreden, den Frust mit dem braunen Pulver zu bekämpfen. Es kam wie es kommen musste. Die ortsansässige Polizei hat unter Einhaltung aller rechtsstaatlichen Maßstäbe (Anm.d.Verf.: nicht ganz unerhebliche Restzweifel bleiben bestehen) bei meinen Mandanten eine Personendurchsuchung durchgeführt und drei Päckchen besagter Droge sichergestellt.

Nachdem also heute das Verfahren vor dem Amtsgericht Braunschweig wegen des Verstoßes gegen § 29 I Nr.3 BtMG eröffnet wurde, wollte ich zunächst ein Rechtsgespräch über die zweifelhaften Umstände der Sicherstellung führen. Weder Gericht noch Staatsanwaltschaft hatten daran Interesse. Ein Versuch war es wert. Jetzt half es alles nichts mehr. Eine Entscheidung musste getroffen werden, wir ließen uns geständig ein. Das Ziel war es für den nicht einschlägig vorbestraften Mandanten, welcher unter Bewährung stand, eine weitere Bewährung zu erhalten.

Während das Gericht für das Geständnis durchaus empfänglich war, war die Staatsanwältin mehr an Gehässigkeiten und dem Vorwurf weiterer (weder aus-noch anermittelter!) Straftaten interessiert. Trotzdem war ich etwas überrascht, als sich die Staatsanwältin im Plädoyer tatsächlich dazu entschloss eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung zu fordern. Glücklicherweise hatte die Verteidigung die besseren Argumente, sodass die für meinen Mandanten angestrebte Bewährung erreicht wurde.

Es bleibt also dabei, entweder auf einen milden Richter hoffen, oder einen engagierten Verteidiger beauftragen.

Erwartungen

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Erwartungen haben beim Besuch des Rechtsanwalts immer zwei Seiten. Die offenkundige liegt auf der Seite des (potentiellen) Mandanten. Er erwartet so einiges von seinem Rechtsanwalt. Zunächst Seriosität, dann absolute Fachkenntnis und letztlich auch eine charmante Behandlung des eigenen selbst. Ärger hat man schließlich schon genug, sonst wäre man nicht da. Und diese Erwartungen kann man auch mit Fug und Recht haben. Wenn ich zum Arzt gehe, erwarte ich schließlich dasselbe. Abgesehen davon soll es beim Anwalt lieber nicht zu teuer werden. Wir sprachen kürzlich darüber.

Worüber sie verehrte Leser und (potentielle) Mandanten vermutlich nicht so häufig nachdenken, ist welche Erwartungen ihr Anwalt an sie hat. Haben sie darüber mal nachgedacht? Einige mit Sicherheit. Das sind die Mandanten die ein Rechtsanwalt am liebsten hat. Da haben sie es. Ein Rechtsanwalt hat nicht alle seine Mandanten gleich lieb. Die Bombe ist geplatzt. Bevor ich nach dieser Enthüllung meinen Laden dicht mache, sage ich ihnen aber noch warum. Diejenigen die sich darüber Gedanken machen, was ihr Anwalt wohl erwartet, kommen mit geordneten Unterlagen zum Termin. Und sie kommen pünktlich. Das hat man gerne. Als Anwalt merkt man sofort, dass man mit diesen Mandanten vernünftig arbeiten kann. Das macht Spass. So entsteht Sympathie. Jedenfalls meistens.

Man hat als Rechtsvertreter dann das Gefühl, dass sich der Aufwand den man betreibt auch lohnt. Es ist nicht nur eine Frage der Arbeitserleichterung. Wenn wir ehrlich sind ist es sogar eine Frage der Wertschätzung. Der Wertschätzung dem Anwalt gegenüber, aber auch eine Wertschätzung des Mandanten für sich selbst. Ich habe festgestellt, dass diejenigen die am schlimmsten dran sind, die ungeordnetsten Mandanten sind. Da wird der verabredete Termin in Eigenregie erstmal 90 min nach hinten verlegt, dafür bekommt man als Anwalt einen Haufen zerfetzte ungeordnete Papiere auf den Tisch geknallt. Toll! Da schreit des Advokaten Seele Hurra! Nicht nur das der Termin jetzt länger dauert als er müsste. Diese Tatsache an sich wäre schon traurig genug.

Nein, was hier passiert, ist unwiederbringliche Zeitvernichtung. Sowas kann Zweckdienlich sein, wenn man jemanden bestrafen möchte. Gefängnisse sind nichts anderes als staatliche Zeitvernichtungsmaschinen. Aber davor kommt immerhin noch ein Prozess. Anders in unserem beschriebenen Fall. Da werden Tatsachen geschaffen. Natürlich kann man so einen Mandanten auch nach Hause schicken. Aber der durch lange Ausbildung geschulte Jurist denkt an die Verhältnismäßigkeit.

Also werden die Unterlagen geordnet und aufgearbeitet. Das dauert. Die Zeit die dabei vernichtet wird, fehlt dem Anwalt zunächst für seine anderen Mandanten. Deren Fälle muss er nun hinten aufschieben. Es geht also auch um die Wertschätzung der anderen. Die sitzen schließlich irgendwie im selben Boot. Schließlich verliert der Anwalt auch Zeit für sich selbst und für die, die sich auch noch nach der Arbeit mit ihm unterhalten wollen.

Man darf das nicht zu persönlich nehmen. Aber Erwartungen zu erfüllen bedeutet eben manchmal auch Wertschätzung für andere.

Über uns der blaue Himmel

Wie muss das sein, wenn du über dir nur den blauen Himmel siehst?

Keine Instanz mehr, nur noch der blaue Himmel, dessen blau lediglich durchzogen ist von tieffliegenden Geiern und Spottdrosseln. Hier und da eine kleine Kumulus-Wolke. Unter dir die hohe See und du erkennst eine Person, die von leuchtenden, gottesgleichen Händen durchgeschüttelt wird.

Glückseligkeit durchströmt dich, denn du hörst kein leises, kaltes und stark entnervendes Säuseln des Windes, der dir ein penetrantes „Revision“ zuflüstert. Zum Glück kannst du in deinem großen Gebäude in deiner kleinen Stadt alleine entscheiden. Auch mal aus dem Bauch raus oder so, wie es doch schon immer gemacht wird. Der Einzelfall muss da auch mal dahingestellt bleiben. Ebenso wie aktuelle politische und juristische Entwicklungen.

Wie entscheidet man also?

Angenommen es fährt ein junger Mensch mit mehr als 100 km/h im Feierabendverkehr mit seinem 40.000 € teurem Sportwagen auf einer Straße durch eine Ortschaft. Nehmen wir weiter an, dass eine Dame mit ihrem Kleinwagen auf diese Straße nach links abbiegen möchte. Ein Sachverständiger stellt fest, dass der Sportwagen zwischen 95 und 105 km/h Kollisionsgeschwindigkeit hatte. Nehmen wir an, die Polizei findet ein Trümmerfeld vor und die Dame entgeht nur mit viel Glück dem Tod und ihr Fahrzeug ist ein Wrack. Der im Sportwagen beifahrende Zeuge sagt aus, dass aber vorher noch gebremst worden sei, bei dem Versuch des Ausweichens und so noch eine höhere Annährungsgeschwindigkeit festgestellt werden kann. Die Haftpflichtversicherung des ambitionierten Rennfahrers – aus einer kleinen Stadt in Bayern – regulierte den Schaden anstandslos außergerichtlich zu 100 %.

In der ersten Instanz will der Sportwagenfahrer natürlich seinen Schaden ersetzt haben. Das ist doch klar! Dieser Vorfahrtsverstoß darf nicht ungeahndet bleiben. Verkehrsrowdytum muss auch zivilrechtliche Konsequenzen haben.

Der vorsitzende Richter in der ersten Instanz wollte sich vergleichen (25/75 zulasten des geschädigten Sportwagenfahrers). Die Haftpflicht wollte das nicht, da das grobverkehrswidrige Verhalten des Sportwagenfahrers die Betriebsgefahr der Dame überwiegt. Die Klage wird am Ende vollständig abgewiesen mit der mehrseitigen Begründung und Abwägung, dass eine Geschwindigkeit von über 100 km/h innerorts dazu führt, dass der vermeintliche Vorfahrtsverstoß dahinter zurück tritt, da mit solchen Geschwindigkeit – jenseits der 100 km/h – nicht mehr gerechnet werden muss.

Das findet der rechtsschutzversicherte Sportwagenfahrer nicht gut und wendet sich mit einer Forderung in Höhe von 10.000,00 € (1/3 der Kosten) an dich. Du weißt 10.000,00 €… über dir der blaue Himmel. Du weißt Haftpflichtversicherung… hat den Vergleich nicht angenommen und sorgt für Mehrarbeit. Du kennst 30-50 Jahre alte Entscheidungen deines Gerichts … Geschwindigkeitsüberschreitungen innerorts und Vorfahrtsverletzung führen zu einer Quote.

Was machst du also?

Zunächst rüffelst du natürlich den Berufungskläger, was ihm einfiele, in der ersten Instanz 100 % einzuklagen. Dann rüffelst du aber auch den Berufungsbeklagten, was ihm einfiele, den Vergleich nicht anzunehmen und dass sie das besser gemacht hätten. Auf den weiteren Hinweis, dass es sich nicht um die klassische Konstellation handelte, da der Kläger mit deutlich über 100 km/h gefahren sei, die Gerichte mittlerweile wegen innerörtlichen Rasens sensibilisiert sein sollten und die erste Instanz die Entscheidung der Beklagten, den Vergleich nicht anzunehmen, bestätigt hat, erwiderst du nur, dass man sich zusammensetze und dann entscheide.

Verkündungstermin und Ende der Verhandlung.

Du hörst noch, wie der Vertreter des Klägers den Vertreter der Beklagten beim Herausgehen fragte, was das gerade gewesen sei? Die Richter am Kammergericht – Berliner (!!!) – seien deutlich höflicher.

Du schaust in den blauen Himmel, lächelst und gibst der Berufung statt. Mit der Begründung auf einer DIN A4 Seite. Liest und interessiert ja eh niemanden mehr.

PARAGRAPHENANGLER

Salär

Ein Kollege von mir benutzt dieses Wort. Ich schätze ihn. Damit Sie sich ein besseres Bild von ihm machen können, nennen wir ihn Walter. Walter ist alte Schule. Ein Rechtsanwalt wie er im Buche steht. Aufgeweckt, kritisch aber auch ein bisschen old fashioned. Walter geht mit der Zeit, hält aber an alten Gewohnheiten fest.

Salär ist ein Wort, das er gerne benutzt. Wenn man es bei Wikipedia eingibt, bekommt man als Erklärung, Salär – Substantiv {das} Gehalt… und so weiter. Sie haben es erkannt werter Leser, es geht um Geld. Man kann es gar nicht groß genug schreiben, GELD! Da hört der Spass bekanntlich auf. Wenn es ums Geld geht, sind Freundschaften schnell vorbei, das Misstrauen geweckt und der Neid erwacht.

Geld… klingt schon irgendwie bedeutsam. Kommt dass von Gelten, oder Geltung? Wohl kaum, könnte man meinen und doch ist man damit schon nahe dran. Seinen Ursprung hat das Wort Geld nämlich auch in der Vergeltung. Damit ist nicht Rache nehmen gemeint, vielmehr geht es darum Wertigkeiten zuzusprechen.

Haben sie sich mal umgehört was ein Anwalt so kostet? Landläufig zuviel würde ich meinen. Was das Problem mit der Bezahlung des Anwalts ist, ist dass man seine Leistung nicht in der Hand halten kann. Was ein Anwalt für seinen Mandanten produziert, lässt sich nicht anfassen. Er weiß oft gar nicht, was es ist. Man kann zwar das Papier anfassen, auf dem die Leistung perpetuiert wurde. Man kann sie lesen, mit etwas Glück verstehen, aber man kann sie nicht wie ein Auto in die Garage stellen und sich darüber freuen. Wie viel kann also etwas wert sein, dessen man zunächst nicht habhaft werden kann?

Ein Anwalt bearbeitet Probleme. Wenn man sich den richtigen Anwalt ausgesucht hat, löst er sie sogar. Aber teuer bleibt er immer. Wenn man einen Anwalt fragt, ob er sich überbezahlt fühlt, dann ist seine Antwort ein klares Nein. Das liegt daran, dass er sich über die Probleme anderer Leute Gedanken macht. Er hört ihnen zu und schreibt mit. Er ließt im Gesetz und Kommentar nach und sucht nach Entscheidungen der Gerichte, die seinen Mandanten weiterhelfen und findet dabei die, die nicht helfen. Dann überlegt er sich, wie man sich am besten gegen die Meinungen der anderen verteidigen kann. Kurzum er verbringt seinen Tag damit zu überlegen, wie er die Probleme seiner Mandanten aus der Welt schaffen kann.

Und dann, wenn alles gut geht, lösen sich die Probleme, um die er sich gekümmert hat, in Luft auf. Die Mandanten sind glücklich. Sie bekommen Geld, oder ihre Freiheit vor irgendwas oder irgendjemanden. Und doch bleibt manchmal die Frage zurück, warum man soviel Geld dafür ausgeben musste, dass am Ende einfach ohnehin alles gut wird. Schließlich hatten sie ja Recht. Walter sagt dann, Recht haben und Recht bekommen sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Wenn man den richtigen Anwalt beauftragt hat, liegt es daran, dass er seine Arbeit gut gemacht hat. Eine Arbeit die man trotzdem nicht anfassen kann. Recht ist eben ein Gedanke und kein Gegenstand. Wie viel ist ein guter Gedanke wert und wie viel ein schlechter und wann ist ein Gedanke wirklich schlecht? So etwas herauszufinden ist oft genug gar nicht so einfach.

Bezahlt wird die Zeit eines Advokaten. Zeit, die er in seine Mandanten investiert und Zeit, die er damit verbringt sich auf dem aktuellen Stand des Rechts zu halten, damit er dann wenn es darauf ankommt weiß was er tun muss. Es ist wie mit einem guten Trick. Die Magie passiert da wo keiner hinsieht.

Wenn man Walter frag,t wie er seine Rechnungen schreibt, dann sagt er einem, dass er schon gerne Geld verdient. Aber er sei auch ein sozialer Typ. Irgendwie war er das schon immer. Manchmal verlangt er deshalb auch nichts, wenn er jemanden beraten hat und es nicht so schwierig war. Oder wenn es nicht so lange dauert. Und manchmal mag er die Leute einfach, besonders wenn sie es schwer haben. Denn wenn es kein anderer macht, Geld kommt eben von Vergelten.

 

Rechtsanwalt Tobias Oppermann

Ein Hoch auf das Vinyl!

Dieses dunkle, erdige Gefühl. Dieser echte Geschmack auf den Ohren. Diese huckelige, fransige Haptik. Ein Waldspaziergang und der Geruch von Wärme. Ein Knistern im Ohr und das Aufsetzen der Nadel. Gefühle und Emotionen!

Vinyl ist die ehrliche Art Musik zu genießen und sich voll und Ganz und mit Haut und Haaren auf den Vorgang des Hörens einzulassen. Lass den Künstler sprechen! Der Künstler spricht zu dir durch den Äther aus Knistern und Schrappen. Lemmy atmet dir ins Ohr, Eminem tritt dir in die Kronjuwelen, der Frost weht dir durch die Haare und der „Abschied“ rührt dich zu Tränen tiefster Melancholie.

Du lässt dich auf ein gesamtes Konzept ein. Erkennst das, was hinter den Liedern steht und erkennst den tieferen Sinn. Eine helfende Hand streckt sich dir entgegen und möchte dich etwas unterstützen.

Doch wie ist die Welt wirklich? Ist die Welt ehrlich, erdig und echt? Ist die Welt vinyl?

Wohl kaum. Die Welt ist „Klick-Klick“ mit der Maus, ein Wischen über das fettige Display eines Smartphones. Schon kommt ein kalter, hohler Klang  aus mikroskopisch kleinen Boxen am Laptop, wenn nicht sogar – das ist der Tod – aus dem Handy selbst. Die Welt ist steril, der Ton klinisch. Jede Art von Song steht sofort zur Verfügung. Du musst dir nicht mehr das Album anhören. Immer nur der Mega-Hit geht auch.

In 3 Megabite aus Nullen und Einsen zusammengepfercht auf einer Platine oder anonym auf Spotify. Auf ein „Klick-Klick“ hin können rotzige Meisterwerke wie „Ace of Spades“, pumpenden Hits wie „The real Slim Shady“, misanthropisch frostiger Black-Metal und Stücke von Mahler, die die Welt eigentlich tief durchatmen lassen,  reproduziert werden. Du hörst die Töne, doch fühlst nichts.

Die runzlige Erde wird zum glatten Stahl, das Knistern wird zur Störung durch das Handy am Radio und der Genuss zur Bulimie.

Die Welt ändert sich. Im Privaten als auch im Beruflichen. Selbst die heile helle Welt der Anwaltschaft unterliegt der Veränderung. Die Veränderung treibt den Anwalt vor sich her. In der Hand hält Sie die Banner „Kostenminimierung“, „Umsatzmaximierung“ und „Weniger Vinyl“.

Der Gang zum Anwalt wird mehr und mehr zur Seltenheit. Die Kommunikation findet nicht mehr in einem Gespräch, sondern per E-Mail statt. Sachverhalte werden nicht mehr berichtet, sondern nur noch per E-Mail übersandt. Vollmachten werden nicht mehr vor Ort unterschrieben, sondern kommen eingescannt vorab als PDF. Papier verschwindet. Das gesprochene Wort und der Termin verschwinden. Sie werden abgelöst durch Effizienz und Umsatz.

Das Feld wird betoniert, die Wiese gemäht und der Wald geholzt. Was bleibt ist eine kahle Fläche aus Boutiquen und hochspezialisierten Fachjuristen, die in den kahlen Kellern Ihrer Lawfirms darauf warten, dass eine über das Internet vermittelte Mandatierung hereinflattert, um dann die E-Akte zu öffnen und via Dragon einen Text auf das Display Ihres PCs zu brennen. Kein Gespräch, keine Auseinandersetzung mit den eigentlichen Problemen, die einer juristischen Mandatierung meist zugrunde liegen. Es geht nicht um echte Problemlösung, nur um juristische Problemlösung, die aus kalter Anwaltssicht nur das Auslösen von Gebühren und das Eskalieren eines Problemes zur Folge haben kann. Keine Beschäftigung mit den menschlichen Aspekten eines jeden Falles. Keine Termine für kleine Mandanten, vielleicht am Telefon oder via Skype. Der Mandat ist lediglich der Umsatz, die billable Hour und eine Fallzahl.

Vinyl und echt allerdings ist ein tiefer Blick in die Augen, ein starker Händedruck und ein „Wir schaffen das!“. Der Gang zum Anwalt, der gemeinsame Kaffee und auch das Interesse an den privaten Fortschritten von langjährigen Mandanten, das ist wie das Auflegen einer alten, wohlbekannten und gern gehörten Platte ohne Klick-Klick und mit Knistern.

Paragraphenangler

 

 

Ein sonniger Sommersonntag im…

Garten selbstverständlich! Wo denn auch sonst, denkt sich der von der Woche geschlauchte Anwalt, wenn die ersten Sonnenstrahlen durch das noch aus der Nacht geöffnete Fenster schleichen und ihn sanft aus seinen Träumen streicheln. Die Vögel zwitschern und in der Luft liegt das Gefühl eines bevorstehenden, warmen und sonnigen Sommertages.

Er dreht sich um und schließt entspannt die Augen. Tiefe Ruhe durchströmt ihn und er döst ein weiteres Mal ein. Der Schlaf des Gerechten. Der Schlaf des Arbeiters!

Ein leichtes Hüngerchen weckt den geruhsam ruhenden Anwalt erneut. Die Sonne ist ein kleines Stück weiter gezogen und kitzelt an der Nase. Es ist 9:00 Uhr.

Was mach ich nun also mit dem angefangenen Tage. Erstmal Frühstück, das ist klar. Aber dann…? Der Garten dieser feine Hort der Ruhe und Entspannung soll heute mein Weinberg sein, der Rasen meine Reben und das Unkraut der Wein, denkt es sich und schlüpft baren Fußes aus dem Bett.

„Ey Kollege, hör mal zu!! In der Sache 38/17 – mit dem hohen Streitwert, wo keine Rechtsschutz hinter steht – da wolltest du doch noch mal vortragen. Substantiieren! Puh, ich bin mir nicht sicher, ob deine drei Zeilen da reichen!…“

Hö? Was war denn das? Stimmen im Kopf? Das muss die Überarbeitung sein.

Ach Quatsch denkt der Anwalt sich. Das schlechte Gewissen, das ist doch was für Streber und unentspannte Korinthenkacker. Ich hingegen bin reinen Gewissens und hochzufrieden mit meiner Wochenleistung. Selbstverständlich habe ich vollständig vorgetragen und sicherlich keinen Fehler gemacht. Außerdem das Wetter ist wunderbar und der Garten ruft. Erstmal zur Ruhe kommen!

Der Kaffee schmeckt fantastisch ein kleiner Engel, der auf die Zunge pieselt und dabei die Ode an die Freude trällert. Ein Sonntag zum Dahinschmelzen und das auch ohne die Temperaturen zu berücksichtigen.

Nach dem Verspeisen des bebutterten Croissants zieht es den Advokaten zu seinem Gartenhäuschen, den Rasenmäher seiner Bestimmung zuführen. Des deutschen Mannes liebste Betätigung nachgehen. Einen Frondienst im Sinne der Nachbarschaft leisten. Rasenmähen im Sonnenschein, was könnte wohl noch schöner sein?, sinniert der Rechtsverdreher reimend und mittlerweile schwitzend vor sich hin.

„Ey Kollege! Was denn jetzt? Das geht da um ne Menge Geld und du reimst dir Stuss zusammen. Was stimmt denn nicht mit dir? Du baust scheiße, ruinierst deine Mandantschaft und pfeifst vor dich hin… Junge!“

Jetzt reicht es aber! Das Wochenende ist mir heilig! Der Sonntag ist der Tag des Herrns , zum Teufel. Da wird frei gemacht.

Vor sich hin muffelnd und grummelnd schiebt er seinen Rasenmäher aus dem Gartenhäuschen.

Die Vögel schreien und die Sonne brüllt vom Himmel. Um seinen Kopf schwirren die ersten Mücken. Es drückt von oben. Ein Gewitter scheint aufzuziehen.

Jetzt Rasenmähen ist ja auch Quatsch, denkt er sich. Die Nachbarn wollen sicherlich auch ihren Sonntag genießen und nicht durch die Geräusche meiner Untriebigkeit gestört werden.

Eigentlich könnte ich ja auch mal wenigstens kurz den Laptop starten und mich zumindest auf der Terrasse mit der Akte 38/17 beschäftigen. So richtig überzeugt bin ich dann doch nicht von meiner Argumentation und drei Zeilen Darlegung ist auch etwas dürftig. Es geht immerhin um eine Menge Geld und der Mandant soll mir auch erhalten bleiben.

Er holt sich seinen Laptop aus dem Büro und setzt sich auf die sonnige Terrasse. Er überfliegt seinen letzten Schriftsatz. Gar nicht so schlecht. Eigentlich alles im Grünen Bereich. Drei Zeilen, lächerlich. Juristisch rundherum anständig!

„Hallo? Woher willst du das denn wissen, wenn du nicht wenigstens noch mal kurz in den Kommentar geschaut hast, du Oberjurist?? Da ist doch in letzter Zeit ne Menge passiert. Haste wieder nicht mitgekriegt, wa? Oberjurist! Hahaha! Dass ich nicht lache! Juristisch rundherum anständig? Dass ich nicht noch mehr lache!!!“

Die Sonne brüllt weiter und ein Nachbar beginnt damit, seinen Rasen zu mähen. Er grüßt in seiner nonchalante Art, sodass ein Smalltalk unvermeidlich scheint. Die Vögel schreien sich gegenseitig an und die Mücken schwirren bedrohlich nah an den bleichen, unbedeckten Waden.

Mist! So kann ich doch nicht arbeiten, denkt der Anwalt sich und entschwindet in das kühle Arbeitszimmer.

Ein sonniger Sommersonntag im Büro.

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Heiko Maas bei der FDP?!

Das Politbeben scheint von der Öffentlichkeit dieses Mal unbeachtet weiter zu gehen. Heiko Maas – Bundesjustizminister – scheint die SPD verlassen zu wollen und zur FDP zu wechseln. Die FDP ist also im Bundestag bereits vor dem 24. September wieder vertreten.

Ok zugegeben, so kunterbunt geht es nun doch nicht zu in der Welt des immer gut gekleideten Ministers.

Allerdings  hat sich Heiko Maas mit seiner wenig beachteten Rede beim Deutschen Anwaltstag im vergangenen Jahr zumindest inhaltlich von der Arbeiterpartei weg in die Nähe der Apotheker- und Anwältepartei begeben.

Zum Abschluss seiner Rede ging es ihm nun nicht mehr nur darum, den anwesenden Zuhörern die Zukunft zu erläutern und Mut zu machen, sondern auch tatkräftig zu Seite zu stehen. Denn was gefällt dem ermüdeten Zuhörer mehr, als die Aussicht auf ein dickeres Portmonee. So kam es, dass der Redner etwas überrascht und für die Anwesenden überraschend feststellte, dass sich die Tariflöhne in den letzten Jahren erhöht haben. Das müde Salär der Anwaltschaft, die gesetzlichen Gebühren, jedoch gleich geblieben sind.

Dies werde sich ändern, versicherte Heiko Maas. Nach der Bundestagswahl würden die Gebühren erhöht werden.

Aha.

Dem geneigten Zuhörer mögen hierbei einige Fragen gekommen sein:

1.) Werden die Gebühren auch erhöht, wenn der versprechende Heiko Maas in die Opposition geht?

2.) Ist sich Heiko Maas so sicher, dass es eine weitere „GroKo“ gibt, dass er bereits vor der Wahl Versprechen machen kann, ohne diese an die Bedingung zu knüpfen, dass er auch wieder Minister sein müsste?

3.) Denkt Heiko Maas, dass er mit den Stimmen der ca. 160.000 Anwälte, die dieses Versprechen tatsächlich interessiert, eine Wahl für sich oder seine Partei oder Martin Schulz gewinnen kann?

4.) Überschätzt Heiko Maas die Anwaltsschwämme und denkt, dass er mit seiner Ankündigung tatsächlich genügend Stimmen für die nächste Wahl scheffeln könnte, um Mutti in Rente zu schicken?

5.) Denkt Heiko Maas, dass er durch das Abspinstigmachen der Anwaltschaft alle FDP-Wähler auf einmal an sich bindet?

6.) Oder hat sein Redenschreiben einfach nur gesehen, dass der Minister auf dem Anwaltstag sprechen muss und die dortigen Zuhörer eh nur das Geld interessiert, sodass dieser in seiner bauernschläue dachte, dass man mit Speck Mäuse fange?

Wie dem auch sei. Die Wahrheit liegt sicherlich dazwischen. Nur einer Sache sollte man sich sicher sein. Die Erhöhung der Gebühren für Anwälte steht nicht unter den Top 10 der Agenda einer kommenden Regierung. Immerhin sollte die kommende Regierung dringendere Themen angehen wie den Klimawandel und die Flüchtlingsprobleme und… Obwohl… die FDP wird aller Voraussicht nach in den Bundestag zurückkehren.

Um es frei mit der Bibel zu sagen: Macht Anwälte zu Hoteliers.

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